Um das Motiv dieses Bildes zu verstehen, muss man zunächst wissen, was Yin & Yang bedeutet. Yin & Yang sind ein grundlegendes Konzept der chinesischen Philosophie. Die Yin-Yang-Philosophie geht davon aus, dass am Anfang eine ursprüngliche, einheitliche Kraft bzw. Materie, das Qi, existiert. Dieses Qi teilt sich in zwei gegensätzliche Kräfte:
Yin steht traditionell für das Dunkle, Schwere, Ruhige, Kühle, Empfangende, Passive und Weibliche sowie für das eher nach innen Gerichtete und Absteigende.
Yang steht dagegen für das Helle, Leichte, Warme, Aktive, Bewegte, Schöpferische und Männliche sowie für das eher nach außen Gerichtete und Aufsteigende.
Aus ihrem Zusammenspiel entstehen Himmel und Erde sowie alle weiteren Gegensätze der Welt, zum Beispiel männlich und weiblich, Sonne und Mond, Tag und Nacht oder Aktivität und Ruhe. Dabei ist Yin nicht „schlecht“ und Yang nicht „gut“ – beide sind notwendig und ergänzen sich gegenseitig. Sie können nicht unabhängig voneinander existieren und sind voneinander abhängig. Außerdem sind sie ständig in Bewegung und können ineinander übergehen. Ein ausgeglichener und harmonischer Zustand entsteht, wenn Yin & Yang in einem passenden Verhältnis zueinanderstehen. Das Ziel ist also nicht, dass eines der beiden überwiegt, sondern dass beide miteinander im Gleichgewicht stehen. Das Taiji bezeichnet dabei die ursprüngliche Einheit, aus der Yin und Yang hervorgehen und zu der sie als Ganzheit wieder zurückführen. (Scheid, 2026)
Die Bedeutung der Motive
Nachdem wir Yin & Yang nun etwas näher verstehen, kann der Fokus auf die einzelnen Details des Bildes gelegt werden. Auf dieser vollgepinselten Leinwand sind die einzelnen Motive nicht zu übersehen. Ein nackter Baum, gelbe herabfallende Blätter und zwei Vögel, die wir als Rabe und Taube erkennen. Ja, es handelt sich offensichtlich um eine Herbstkulisse, doch was ist ihre tiefere Bedeutung?
Der Herbst steht für das Ende des Sommers und gleichzeitig für den Beginn des Winters. Das Ende kann nicht ohne den Anfang existieren. Die Äste des nackten Baumes rekeln sich, als würden sie nach etwas greifen wollen, das weit über ihnen ist, während sich die gelben Blätter im Fall befinden und langsam nach unten sinken. Wie bei Yin & Yang treffen hier das Aufsteigende und das Absteigende im selben Atemzug aufeinander.
Doch es bewegt sich nichts. Eigentlich steht alles still, denn was wir sehen, ist nur ein Bild, eine Leinwand. Somit bestehen diese Gegensätze gleichzeitig im selben Moment: Bewegung und Ruhe.
Diese Gegensätze werden auch bei den Vögeln deutlich. Der Rabe sitzt still auf einem Ast und ist in der Bildkomposition weiter unten als die Taube, welche sich mitten im Flug befindet, mitten in der Bewegung. Die Vögel sind somit das offensichtlichste Symbol für Yin & Yang.
Der Rabe steht für das Yin: das Dunkle, Ruhige, Kühle, Empfangende, Passive und Weibliche.
Die Taube steht für das Yang: das Helle, Leichte, Warme, Aktive, Bewegte, Schöpferische und Männliche.
Auch in der deutschen Sprache wird hier ein Gegensatz deutlich. Für das Yin wird „der“ Rabe als Motiv genutzt, welcher das Weibliche wiedergibt, obwohl er in der deutschen Sprache einen männlichen Artikel hat. So auch bei der Taube: Es heißt „die“ Taube, und doch ist sie hier ein Motiv für das Männliche. Vielleicht zeigt sich gerade darin die eigentliche Bedeutung von Yin & Yang: Auch Gegensätze können miteinander im Gleichgewicht zu existieren.
„Wissen hat zwei Flügel, Vermutung hat nur einen.“
-Dschalāl ad-Dīn Rūmī, Masnavi, Buch III, Vers 1510
Original:
علم را دو پر گمان را یک پرست
ʿelm rā do par, gomān rā yek par ast
Literaturverzeichnis:
Scheid, B. (2026, 2. Oktober). Yin und Yang. Religion in Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien. https://religion-in-japan.univie.ac.at/Handbuch/Grundbegriffe/Yin_und_Yang